LEA ST.

Our Personal Hallucination

Eröffnung: Freitag, 25. November 2011

Ab 20 Uhr: Recordplayer + Beloved Sounds – mit Lea St.
Galerie Funke
26. November - 17. Dezember 2011
Öffnungszeiten: Mi-Fr 13-18 Uhr, Sa 12-15 Uhr
u. n. Vereinbarung

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© Lea St., o. T., 2010, Fineliner, 29,7 x 21 cm

OUR PERSONAL HALLUCINATION heißt die Einzelausstellung von LEA ST. in der Galerie Funke. Sie stellt das zeichnerische und malerische Werk der in Berlin lebenden Künstlerin vor, die bei Valerie Favre an der Universität der Künste studiert und dort kurz vor ihrem Abschluss steht. Die Titel gebende, Worte, Satzfragmente und Zeichnungen umfassende Werkreihe entstand, ursprünglich auf Post-it Zetteln notiert, in London, wo sich LEA St. 2010/2011 am Central Saint Martin College of Art & Design aufhielt.

Damit sind wesentliche Merkmale von LEA ST. Kunst angeführt: Als Bildträger dienen der Künstlerin kostengünstige, einfache Materialien, z.B. handelsübliches Kopierpapier in DIN A 4 Größe oder gebrauchte Secondhand-Stoffe, die sie in Mischtechnik mit Acryl, Lack, Öl und Kohle bemalt oder mit Worten versieht. Dabei vermischen sich die Genres Malerei und Zeichnung durch die für LEA ST. charakteristischen Umrisslinien - die entfernt an die frühen Werke der in Ungarn geborenen US-Künstlerin Rita Ackerman erinnern - und die Verwendung eigener Symbole bei gleichzeitigem Einsatz kräftiger Farben und Pastelltöne sowie den Einbezug stofflicher Strukturen und Details, Aufdrucke und Stickereien.

„Für mich sind Worte wie Zeichnungen“, kommentiert die Künstlerin ihre Vorliebe für das fragmentarisch Zeichenhafte. „Worte haben eine besondere Stärke. Sie sind offener als die Malerei.“ Im Gegensatz zu einem erkennbaren Motiv oder festgelegtem Sujet, das eine vermeintliche Geschichte erzählt, lösen Worte eine Menge freier Assoziationen aus und lassen eigene Bilder im Kopf entstehen. Die von ihr zitierten Wortbildungen findet LEA ST. in Songtexten, Gedichten, der Computerprogrammiersprache, in der Londoner U-Bahn und in ihrem alltäglichen Umfeld. Mit trockenem Humor drücken sie lakonisch gegenwärtige Seinszustände und Befindlichkeiten aus. Spielerisch, witzig-absurd oder in ironischer Umkehrung appellieren sie an Wünsche und Momente des Begehrens. Angesichts der Textzitate und des Umgangs mit Worten wundert es nicht, dass die Arbeiten von LEA ST. zahlreiche Anspielungen auf die Welt des Pop und der Musik enthalten und sie KünstlerInnen zu ihren Favoriten zählt, die sich in ihren Werken mit Sprache und Schrift auseinandersetzen, z.B. Jenny Holzer oder Félix González-Torres.

LEA ST. bewahrt die Zeichnungen – als Originale und Kopien – in Aktenordnern auf, die gleich einem Archiv, zum Blättern einladen. Sie ist fasziniert von der Idee des analogen Büros mit Karteikästen im Sinne einer Bibliothek der Information, Erinnerung und Inspiration. Die Künstlerin durchbricht diese Linearität, indem sie ihre Zeichnungen bündelt und zu Installationen verdichtet, die – unter Einbezug weiterer Bilder aus unserem Fundus des Gedächtnisses – eine simultane Lesart ermöglichen und vielfältig verzweigte Querverbindungen eröffnen.

Mit der Gegenüberstellung von Originalzeichnung und Kopie spielt LEA ST. auf die Mechanismen des Systems Kunst und Kunstmarkt ebenso an wie auf Strategien der künstlerischen Selbstermächtigung durch Aneignung, Sampeln, Wiederverwerten und Recyceln: „Es geht um den Wert von Originalkunst und deren Kopie.“ Aus diesem Grund verwendet sie für die Malerei der „Humana-Series“ Stoffe aus den nicht unumstrittenen Kleidersammel-Geschäften, an denen das Preisschild noch sichtbar befestigt ist.

Die mitunter beidseitig bemalten Bettüberwürfe, Vorhangstoffe, Decken und Tischtücher erwecken die Vorstellung von traditionell häuslichen, heimeligen, unterstellt weiblichen Eigenschaften. Sie werden oft nicht direkt an der Wand befestigt, sondern hängen frei im Raum, um ein Eintauchen in ihre Atmosphäre, ein Drinnen-Sein zu provozieren. Als Bildträger der Kunstwerke sind die Stoffe in ihrer Mischung aus Kitsch und Plüsch Camp.

Die Hinter- und Untergründe der Stoffe verbinden sich zu einer Einheit mit den Darstellungen von Körpern und Sexualität, Themen, die in der Kunst von LEA ST. eine herausragende Rolle einnehmen. Sie befragen die Sicht auf den eigenen Körper zwischen Fremdzuschreibung und eigenem Empfinden; sie drücken Emotionen aus zwischen Verlangen und Verletzlichkeit, zwischen dem Wunsch nach Verschmelzung und Autonomie. „Mich interessiert, wo hört der eigene Körper auf und wo beginnt der andere? Wo verlaufen die Grenzen zwischen den Körpern?“ fragt die Künstlerin, die sich intensiv mit der Queer Theory und -Culture auseinander setzt und fügt hinzu: „Ich versuche in meiner Kunst, eine erkennbare biologische Geschlechterdefinition zu vermeiden.“ Auf diese Weise kennzeichnet ihre Werke das Potential von Utopie und Neuverortung.

 

Claudia Funke, November 2011

Medienpartnerschaft mit
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Die aktuelle Ausstellung von RITA ROHLFING: apparently tangible in der Galerie Funke stellt Arbeiten der in Köln lebenden Künstlerin erstmals in Berlin im Rahmen einer Einzelausstellung vor und gibt einen Überblick der Entwicklung ihres Werkes im Laufe der letzten zehn Jahre.

Eine Auswahl aus der Reihe der Wandobjekte „white space“ bewegt sich, wie viele Arbeiten von Rohlfing, auf der Grenze zwischen Malerei und Skulptur. Ähnlich wie bei den zuvor entstandenen Farbräumen in Rot scheint trotz der geschlossenen Volumen verschwommen ein Spektrum weißer, grauer und zarter Blautöne durch die mattiert geschliffenen Plexiglasscheiben und strahlt als Lichtschimmer in den Raum hinein. Die Werke beziehen sich auf die sie umgebende Architektur und den Standort des Betrachters. Verändert dieser seine Position und damit den Blickwinkel, verändern sich auch die als fließende Verläufe wahrgenommenen Farb- und Lichtwerte in den Objekten. Innerhalb der an der Wand befestigten Kästen befinden sich in unterschiedlichen Winkeln zueinander gesetzte lackierte Aluminium- und Hartfaser-flächen, die die Illusion von Bewegtheit und eines zeitlichen Moments hervorrufen. Die Werke konterkarieren die eindeutige, klar definierte minimalistische Form durch eine rätselhafte Aura, die sichtbar, aber nicht fassbar ist - wie Schallwellen, deren Klänge und Töne im Raum präsent und zu hören, aber nicht zu greifen sind.

Formal klar begrenzt und scharf konturiert heben sich auf den ersten Blick auch die metallisch-dunklen Bildflächen der aus Lack und Aluminium gefertigten Werke von der Wandfläche ab. Der braungraue, beinahe schwarz wirkende, manchmal ins Blau

changierende Lack wurde von der Künstlerin durch mehrmaligen Farbauftrag und Zwischenschliffe von seinem ihm ursprünglich eigentümlichen Glanz befreit und erhält so innerhalb der rautenförmigen, verzerrten Vierecke und Polygonale einen samtig-matten Charakter. Das pure Material des Aluminiums, in das die Künstlerin eine grafisch feine Linienstruktur einpolierte, wiederholt an den Kanten versetzt Teilstücke der geometrischen Formen wie ein Feedback oder als Nachklang eines Echos. Die planen Aluminiumplatten vermitteln den trügerischen Eindruck einer nicht messbaren Perspektive und Tiefe, die mal zurückweicht, mal in den Raum vordringt. Schattenwürfe, die sich aufgrund der Hängung weniger Zentimeter vor der Wand bilden, verstärken diese Täuschung. Mit der Bewegung des Betrachters und der damit einhergehenden Verlagerung seines Stand- und Blickpunktes verflüchtigt sich die Sicherheit über die Begrenzung und Abmessung der Objekte und weicht einer ständigen Neubestimmung und Neuverortung.

 

 

© Rita Rohlfing, untitled space, 12/09, 2009, Lackfarbe auf Aluminium, 11 x 150 x 3 cm

 

Bereits in den 1990er Jahren erweitert Rohlfing die Grenzen des traditionellen Tafelbildes in Richtung der Farbräume: Annähernd monochrom rote, unregelmäßig geformte „shaped canvases“, bei denen die Farbe um den Keilrahmen herum verläuft, erwecken den Anschein, sich in den Raum auszudehnen. Das vermeintliche Innenleben der kompakten Raumkörper tritt über in den tatsächlichen Raum. In seiner farblichen Intensität überflutet es den äußeren Raum und umhüllt den Betrachter atmosphärisch. Der Vergleich zu Barnett Newmans großen, durch schmale, vertikale Streifen unterbrochene Farbflächen liegt nahe. Allerdings kennzeichnet Newmans Werke ein glatter, gleichmäßiger Farbauftrag. Die Bildkörper Rohlfings weisen hingegen unterschiedliche Abstufungen des Rot auf, die die Bildobjekte im Zusammenklang mit der sichtbaren Binnentextur des Farbauftrags zum „Schwingen“ bringen.

Die großen Rauminstallationen von Rohlfing setzen sich mit der spezifischen Architektur des Ausstellungsortes auseinander und sind – wie die „Lufttöne“ 1999, im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr – begehbar oder präsentieren sich als geheimnisvoll unzugänglich, z. B. der Zimmer große „Farbraum“ aus dem Jahr 2000, „Rotlichtbezirk“, 2002, in der Alten Rotation des Rheinischen Landesmuseums Bonn oder „Anscheinend“, 2004, in der artothek in Köln. Sandgestrahlte Plexiglasscheiben und transparente PVC-Folien verunklären den Blick auf die Lackfarben im Inneren der an den Seiten mit Aluminium verkleideten Kubusformen. Die Farben wirken, als leuchteten sie aus sich heraus. Wie farbiger Dunst drängen sie aus einem unwirklichen, virtuellen Raum in den Realraum. Die Farbräume erweisen sich auch dann als bloß scheinbar greifbar, wenn sie sich durch eine Vorwölbung des geschliffenen Plexiglases nach außen hin öffnen.

Christian Krausch vermerkt, dass die Werke der Künstlerin Wünsche, Träume und Sehnsüchte hervorrufen: „Letztlich unnahbar“ deuten sie auf einen „nicht wirklich fassbare[n] Ort des Verlangens“ (in: Rita Rohlfing. Rotlichtbezirk, Katalog Rheinisches Landesmuseum Bonn, 2002, S. 10). Im Gegensatz zu ihrer faktischen Gegebenheit, beinhalten sie gleichzeitig die Sprengkraft von Transzendenz und Möglichkeit.

Sie beziehen ihre Spannung aus der Kombination konkreter minimalistischer Formen und unbestimmbar schwebender Farben und Raumtiefen, dem Versuch, sie rational zu erfassen und ihrer emotionalen Wirkung. Gabriele Uelsberg beschreibt die Rolle des Betrachters als Bestandteil und gestaltendes Element der Kunst Rohlfings, „in dessen Raum die Farbigkeit ausgreift und in dessen Inneres sein Sehen und Denken eintaucht. Diese Symbiose zwischen Denken und Sehen, zwischen Wahrnehmung und Reflexion ist ein zentrales Thema in Rita Rohlfings künstlerischer Arbeit [...]“ (in: Rita Rohlfing. Anscheinend, Katalog Oberhausen 2004, S. 6).

Die Werke von Rita Rohlfing bewegen sich im Feld sichtbarer, zu erahnender aber nicht fassbarer Welten und der realen Wirklichkeit, zwischen Entzug und Vergegenwärtigung. Die Mehransichtigkeit ihrer Kunst zeugt von ihrer Uneinnehmbarkeit und führt im Prozess der Anschauung zu einer (Selbst-)Erfahrung jenseits absoluter und rasch (be-)greifbarer Eindeutigkeiten. Diese in den Werken angelegte „Restunsicherheit“ markiert für Rohlfing ihre Verankerung in unserer Gegenwart: „Die Arbeiten reflektieren die aktuelle Situation und spiegeln das Jetzt wider. Uns umgibt eine große Unsicherheit, keiner weiß heute, wie es morgen weiterläuft – alles befindet sich in der Schwebe und könnte bald zusammenbrechen. Wir müssen uns selbst entscheiden, einen Schritt zu tun.“

 

Claudia Funke, Oktober 2011