KATJA PUDOR
überschreitungswahrscheinlichkeit

Galerie Funke
15. Januar – 18. Februar 2012

Eröffnung: Samstag, 14. Januar, 19-22 Uhr

Donnerstag, 2. Februar 2012, 19 Uhr
Jens Nordmann & Ian Warner
Musique D’Ameublement

Öffnungszeiten
Mittwoch-Freitag 13-18 Uhr, Samstag 12-15 Uhr
u. n. Vereinbarung
kp10

© Katja Pudor, linking, 2011, Acryl auf Papier, 50 x 65 cm
www.katjapudor.de

überschreitungswahrscheinlichkeit“ nennt Katja Pudor ihre aktuelle Einzelausstellung in der Galerie Funke, Berlin. Pudors Malerei überschreitet die Begrenzung der zweidimensionalen Bildfläche und wächst, den Fußboden, die Wände und die Decke einnehmend, als Installation in den Raum hinein. Die Farbflächen und Pinselschwünge, Linien und vernetzten Strukturen überwinden die Bindung an einen statischen, starren Bildträger, indem sie als Ausschnitte und Einzelstücke variabel miteinander kombiniert und nur locker befestigt werden und sich nicht mit der Architektur zu einer Einheit verbinden. Das Material aus Papier, Acryl, Schellacktinte, Grafit, Kohle, Edding und Tapeband besteht aus Fragmenten, die die 1965 geborene und in Berlin lebende Künstlerin immer wieder neu anordnet und in anderen Kontexten wiederverwendet: Sie erstellt Collagen aus dem Fundus ihres eigenen Werkes. Kennzeichnend für die Arbeitsweise von Pudor, die an der Hochschule Berlin Weißensee bei Katharina Grosse studierte, ist in ihren eigenen Worten die „Farblust“ und der spielerische Umgang mit dem eigenen künstlerischen Material, die Wiederverwendung der ‚Reste’, des ‚Übriggebliebenen’ von vorherigen Experimenten und Malvorgängen: „Das Materialische ist mir wichtig. Das Material ist für mich die Hauptsache“. Dazu zählen auch die Dichte der Pigmente, das Verwaschen der Farbe, herunterlaufende Farbspuren und – tropfen, die Dynamik und die Stärke der Striche.
Malerei und Zeichnung, Abstraktion, zuweilen Figuration und Schrift bilden komplexe Schichtungen in Richtung Dreidimensionalität und Räumlichkeit. Die übereinandergelagerten Verwebungen und Verflechtungen bleiben dabei flexibel und beweglich. Selbst dort, wo die Künstlerin zum Geviert der Leinwand  oder des Zeichenblattes zurückkehrt, bleibt der Eindruck der „überschreitungswahrscheinlichkeit“, der mehrdimensionalen räumlichen Ebenen, die in sich veränderlich und wandelbar sind, erhalten.
Der Ausstellungstitel ist dem Bereich der Naturwissenschaften, der mathematischen Formeln, entliehen, anhand derer unter anderem die Statistik von Windstärken und Hochwässern errechnet wird. Im weiteren Sinne verweist er auf einen möglichen Exzess, auf das Potential eines Zuviel, das einen Scheitelpunkt überschreitet. Pudors künstlerischer Schritt in die Dreidimensionalität des Realraums und damit in die Lebenswirklichkeit der Betrachterinnen und Betrachter sensibilisiert hingegen die Wahrnehmung in die analytische Richtung: Die geballte Anhäufung und das Übereinanderlappen von Informationen, Bildschnipseln und Tonfragmenten führen zu einer Überflutung. Der Exzess des Überflusses und des Mehrwerts endet bisweilen in der Implosion des Weißen Rauschens und des Nichts. In Pudors Werken und Rauminstallationen bleibt die gleichwertige, unhierarchische Anordnung der einzelnen Werkelemente in ihrer Unterschiedenheit und Differenzierung immer erkennbar. Die materialische Sinnlichkeit verführt zum Schauen, Entdecken, Erfahren. Die lose, modulartige, leicht auseinandermontierbare Anbringung der Papierstreifen, Blätter und Scherenschnitte deutet sichtbar auf das Verfahren von Montage und Demontage und die Strategie der Konstruktion und Dekonstruktion. „Meine Arbeit beinhaltet die Idee der Mobilität und der Veränderung durch Neuanordnung“, kommentiert die Künstlerin ihre Vorgehensweise, (Anne Fäser: Virtuelle Konstruktionen sinnlicher Malerei, in: Katja Pudor. Salon Berlin, Ausst.-Katalog Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken 2010).
Die (soziale und künstlerische) Vernetzung und Mobilität sind auch Thema der Zusammenarbeit von Pudor mit anderen Künstlerinnen und Künstlern: 2006 war sie Mitinitiatorin des Berliner Ausstellungsraumes „Stedefreund“, den sie bis heute mitbetreibt und wo sie in Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten ist. Zusammen mit Antonia Nordmann rief Pudor das Projekt „Bandprobe“ ins Leben, bei dem Künstler verschiedener Genres, auch aus dem Bereich der Musik und der Lichtkunst, für einen begrenzten Zeitraum in einem Ausstellungskontext ein gemeinsames Werk schaffen.
Katja Pudors vielschichtige Arbeiten wirken räumlich und ‚bespielen’ den Raum. In Anlehnung an die Ambient-Musik und Erik Saties „musique d’ameublement“ von 1920, werden Jens Nordmann & Ian Warner am 2. Februar 2012 um 19 Uhr im Rahmen der Ausstellung ein Konzert experimenteller Klangcollagen aufführen.

Claudia Funke, Dezember 2011