SILKE KOCH
ground control

Galerie Funke
25. Februar – 17. März 2012

Eröffnung: Freitag, 24. Februar, 19-22 Uhr
Finissage: Samstag, 17. März, ab 19 Uhr:
sounds from outer space

Öffnungszeiten: Mi-Fr 13- 18 Uhr, Sa 12-15 Uhr
und nach Vereinbarung
s7

© Silke Koch, Eagle Pull, aus: After Gravity’s Rainbow, 2010, Porzellan, Glas, Metall, 45 cm x ø 13 cm

www.artnews.org/silkekoch www.rockmytradition.com


„A single dream is more powerful than a thousand realities“. Dieses Motto las Silke Koch auf der Website einer High School-Klasse in New Leipzig, North Dakota, USA. Es passt gleichfalls zu den neuen Werken, die die Künstlerin unter dem Titel ground control in ihrer Berliner Einzelausstellung in der Galerie Funke präsentiert.
Seit 2008 baut Koch Alltagsgegenstände und Haushaltsutensilien, die sie auf Flohmärkten findet, zu Variationen Raketenförmiger Objekte zusammen. Das Design der derart montierten Aschen- und Eierbecher, Vasen und Thermoskannen rührt aus den 60er und 70er Jahren. Für die 1964 in Leipzig geborene Künstlerin spiegelt das Design die Utopien der Zeit ihrer Jugend wider: „Es löst fantastische Träume aus, die in der DDR wegen der eingeschränkten Reisemöglichkeiten und Bewegungsfreiheit allenthalben am Küchentisch zu Hause ausgemalt wurden. Man träumte sich weg und erkundete fremde Welten.“  Die Mischung aus Ost- und Westdesign reflektiert unterschiedliche Utopievorstellungen im Sozialismus und Kapitalismus: Während der „negative“ Blick in die Zukunft, z. B. im Sinne eines Verteilungskampfes um Rohstoffe im Osten nicht existierte, stand hier das Bild des „neuen Menschen“ in der sozialistischen Gesellschaft im Vordergrund.
Koch nennt die Serie in Anlehnung an Thomas Pynchon „After Gravity’s Rainbow.“ Pynchons Roman gilt als Meilenstein der postmodernen Literatur und spielt – neben unzähligen Abschweifungen –  zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegsjahre. Er greift die Erfindung der V2 Rakete durch die Nationalsozialisten auf und ihre spätere Weiterentwicklung in den USA und der Sowjetunion zum Zweck der Aufrüstung und der Eroberung des Weltalls. Die 60er und 70er Jahre waren geprägt von der Zeit des Kalten Krieges, des Wettrüstens, der atomaren ‚Abschreckung’, des Wettlaufs der Reise zum Mond und Fantasien über Lebensformen auf anderen Planeten.
Im Kontext ihrer Beschäftigung mit dem Thema Science-Fiction und Raumfahrt entstand mit “What’s Going to Happen?“ die von Koch bearbeitete, auf seine Essenz konzentrierte und nur auf wenige Minuten geschnittene Version des 1984 gedrehten Films „2010: Das Jahr in dem wir Kontakt aufnehmen“. „Ich arbeite oft mit schon vorhandenem Material“, kommentiert die Künstlerin ihr Vorgehen. „Ich greife dabei auf eine Alltagskultur zurück, die zur Mythenbildung beitrug und die mich geprägt hat.“ In der Fortsetzung von Kubricks legendärem Klassiker „2001: A Space Odyssey“, brechen Amerikaner und Russen – trotz der angespannten politischen Situation – gemeinsam in den Weltraum auf, um die Discovery und den Bordcomputer HAL zu reaktivieren und zu erforschen, welche Bedeutung dem Monolithen in der Umlaufbahn des Jupiter zukommt. In Kochs künstlerischer Adaption bleibt das Ende des Films offen und öffnet die Aussicht auf neue utopische Modelle.
Silke Koch fragt: „Was ist Wirklichkeit. Wie ist unsere Wirklichkeit konstruiert? Ich stelle meine kulturelle Identität immer wieder in Frage, die Überlieferung von Geschichte und überprüfe die meiner eigenen Geschichte.“ Dabei geht es ihr darum, dass Menschen sich auch neu erfinden, wenn sie als Einwanderer in ein anderes Land gehen oder sich mit einer neuen Umgebung und deren charakteristischen Realitäten konfrontiert sehen.
2005-2006 entstand ihre Arbeit „New Leipzig“, die Fotografien, ein Video, Texte und eine übermalte Landkarte umfasst. Die Galerie Funke zeigt die Serie der großformatigen Fotografien erstmals in Berlin. Zumeist in frontaler Ansicht sind auf ihnen die wichtigsten Gebäude und Architekturen der Ortschaft „New Leipzig“ in North Dakota zu sehen. Bei bewölktem Himmel ohne Schattenwurf im diffusen Tageslicht aufgenommen, kennzeichnet sie ein nüchterner, linearer Ausdruck, der ihnen die Erscheinung von Filmkulissen verleiht. Ein großer Teil der Bevölkerung von „New Leipzig“ kam als Russlanddeutsche in die USA. Die Hauptstadt des Bundesstaates wurde nach Otto von Bismarck benannt und neben „New Leipzig“, wo traditionell ein jährliches ‚Oktoberfest’ stattfindet, führt die Landkarte von North Dakota Städtenamen wie Berlin, Karlsruhe oder Munich auf. Silke Koch, die an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig im Fachbereich Fotografie studierte und 2003 bei Astrid Klein als Meisterschülerin abschloss, spielt in ihrer Arbeit „New Leipzig“ auch auf die Malerei der „Neuen Leipziger Schule“ an, deren Mythos um die Jahre 2005/2006 seinen Höhepunkt erlangt hatte.

Claudia Funke, Februar 2012