DESIREE PALMEN
„hinten = vorne“

Galerie Funke
12. Januar – 23. Februar 2013

Eröffnung: Freitag, 11. Januar 19-22 Uhr
Öffnungszeiten: Mi 12-17 Uhr, Do-Fr 12-18 Uhr, Sa 12-15 Uhr
und nach Vereinbarung



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© Desiree Palmen, Made in China (Porträt),
2012, digitale Farbfotografie, 118 x 84 cm

hinten = vorne heißt die zweite Einzelausstellung von Desiree Palmen in der Galerie Funke in Berlin. Die Galerie ist stolz, neue Fotografien, Zeichnungen, Objekte und eine Videoarbeit der in Rotterdam und Berlin lebenden niederländischen Künstlerin aus den Jahren 2009-2012 zu präsentieren.

Palmens Fotografie „Made in China (Portrait)“ von 2012 zeigt eine aufrecht stehende Person vor hellem Hintergrund. Sie trägt ein braunes Hemd und Jeans, die nicht richtig passen. Die Gliedmaßen sind verdreht und das Gesicht wirkt maskenhaft. Die Figur kennzeichnet eine puppenhafte Starre und verharrt auf der Schwelle zwischen Lebendigkeit und statischer Objektartigkeit. Es ist die Künstlerin selbst, die uns den Rücken zukehrt aber die Frontalansicht vortäuscht, während sie die Gesichtszüge des chinesischen Künstlers Liu Bolin nachahmt. Die Künstlerin versteht ihre Arbeit zugleich als Referenz und Abgrenzung zu Bolin. „Made in China“ gewährt einen Rückblick und eine Rekapitulation ihrer eigenen Entwicklung als Künstlerin und ist zugleich Indikator für eine Verschiebung der Tendenzen in ihrem Werk.

Seit 1995 spielt das Thema der Camouflage eine zentrale Rolle in den Arbeiten von Desiree Palmen, die an der Staatsakademie Maastricht Bildhauerei und Bildende Kunst an der Maastrichter Jan van Eyck Akademie studierte. Für ihre Performances, Fotografien und Videos fertigt sie Tarnanzüge an, die sich farblich und strukturell exakt an bestimmte Orte im öffentlichen Raum oder in Innenräumen anpassen. Ein Mensch in diesem Anzug, der sich an diesem bestimmten Platz aufhält oder fotografiert wird, verschwindet sozusagen hinter der Tarnung und unterscheidet sich kaum von seiner Umgebung. In diesem Fall bietet die Camouflage Schutz sowohl vor staatlicher Überwachung als auch generell vor dem Beobachtet-Werden.

In den aktuellen Arbeiten von Palmen geht die Figur keine räumliche Verschmelzung mit dem „Setting“, ein, sondern steht allein vor der leeren, nicht näher definierten Fläche. Stattdessen überlagern sich vor unseren Augen mehrere Schichten visueller Eindrücke; im Bild entsteht ein neues Bild, das vorgibt etwas zu sein, das es nicht ist. Diese Art von Mimikry, von Nachahmung und Täuschung schafft eine Verunsicherung darüber, was wirklich ist und was nicht.
Auf Palmens Fotografie „Genital Panik“, 2011, erblicken wir eine sitzende, dunkelhaarige, weiß gekleidete Person mit nach vorne geneigtem Lockenkopf. Beim ersten Hinsehen scheint der Schritt der Hose heraus getrennt, so dass der Blick auf die vermeintlich entblößten Oberschenkel, Genitalien oder aber auch das Gesäß fällt. Palmen spielt hier auf Valie Exports offene „Aktionshose“ an, die die österreichische Künstlerin bei der Performance und auf den Fotografien „Genitalpanik“ von 1969 trug. Nach eingehender Betrachtung offenbart sich, dass die als ausgespart wahrgenommene Partie in Desiree Palmens Werk die aufgemalte und somit nach vorne gekehrte Sitzfläche des Hockers ist, der sich real hinter dem fotografierten Model befindet: Objekt und Figur, Organisches und Anorganisches verbinden sich und bilden eine Einheit.

Für die ein Video, Fotografien und Objekte umfassende Serie „One Step Closer to Nature“, 2012, schuf Palmen – die bereits 1996 ihre eigenen Arbeiten zwischen Ausstellungsstücken der wissenschaftlichen Sammlung des Naturhistorischen Museums in Maastricht und des Museum Koenig in Bonn platzierte und sich mit Geologie und Biologie beschäftigt – mit Acrylfarbe bemalte Turnschuhe, die das Federkleid von Enten imitieren und so das aus dem Tierreich bekannte Prinzip der Mimikry als Tarnung und Selbstschutz direkt aufgreifen. Harmlos zahme Enten in der urbanen Kulturlandschaft symbolisieren den Wunsch des Städters nach der Nähe zur Natur unter sicheren Bedingungen.

Desiree Palmens Werke provozieren im Gegenteil Unsicherheiten. Inwieweit ist eine perfekte und effiziente Anpassung an die Umwelt möglich? Reflektiert das Prinzip der Tarnung den Wunsch, dass alles machbar ist? Mittels Adaption und Aneignung verfremdet die Künstlerin Bekanntes und Vertrautes. Die Pointe in ihren Arbeiten versteckt sich auf den ersten Blick und will entdeckt werden. Die Enden der Gleichung: hinten = vorne bleiben verschieden und verweisen auf ein Paradox: Als Lücke und offen legende Strategie erschöpft sie sich nicht in der Identität sondern eröffnet Perspektiven der Vielfalt und des Anders-Seins.
www.desireepalmen.nl

Claudia Funke, Januar 2013

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© Desiree Palmen, Genital Panik, 2011,
 analoge Farbfotografie, Auflage 1/5, 163 x 127 cm

 

 

 

 

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