image

Desiree Palmen, Police Camera Christian Quarter, Jerusalem 2006, 92 x 70 cm, © Desiree Palmen


image

Desiree Palmen, Tourist Camera Moslem Quarter, White Dress, Jerusalem 2006, 130 x 105 cm,
© Desiree Palmen


image

Desiree Palmen, Old City Suit, Videostill, DVD, 10 min, 2007, © Desiree Palmen

image

Daily Uniform, 2003/04, Zeitungsübermalung, 21 x 17 x 3 bis 35 x 44 x 3 cm
© Desiree Palmen
"Joyce, 15 Jahre, auf dem Bett in ihrem Zimmer hinter ihrem Laptop."


image

Daily Uniform, 2003/04, Zeitungsübermalung, 21 x 17 x 3 bis 35 x 44 x 3 cm
© Desire Palmen
"Einwanderer in San Francisco."
...

Galerie Funke

2. Oktober – 6. November 2010

 

Eröffnung: Freitag, 1. Oktober, 18 Uhr

Öffnungszeiten: Mi – Fr 13-18 Uhr, Sa 12–15 Uhr

u. n. Vereinbarung

 

Willibald-Alexis-Straße 13/14

10965 Berlin

U 7, Gneisenaustraße

T.: 030/20672920, Fax 030/20674924

Mobil: 0151-25969466

 

Claudia Funke

www.galeriefunke.de

Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

Die Galerie Funke eröffnet am 1. Oktober 2010 um 18 Uhr ihre neuen Räume in Kreuzberg mit der ersten Einzelausstellung von Desiree Palmen in Berlin und in Deutschland. Die 1963 in den Niederlanden geborene Künstlerin studierte Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Kunst in Maastricht und lebt in Rotterdam und in Berlin. Ihre aktuellen Arbeiten umfassen die Medien Fotografie, Video, Malerei, Zeichnung sowie Performance. Desiree Palmen nahm an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen in Spanien, Israel, den USA, Österreich, Belgien und Deutschland teil. Ihre Werke waren in Soloausstellungen u. a. in Venedig, Wien, Amsterdam und Rotterdam zu sehen.

 

Die Galerie Funke zeigt eine Auswahl von Palmens Werken aus den vergangenen zehn Jahren. Dazu zählen die Zeitungsübermalungen aus der Serie DAILY UNIFORM von 2003/04 sowie Fotografien und eine Videoarbeit aus dem während eines Aufenthalts als Artist in Residence 2006 in Jerusalem entstandenen Projekt OLD CITY SUIT.

 

In Desiree Palmens Kunst steht das Thema der Camouflage im Zentrum, angeregt durch ihre Auseinandersetzung mit den aus der Biologie bekannten Phänomenen der Mimikry, der Anpassung und der Tarnung in der Tier- und Pflanzenwelt.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und den daraus resultierenden Kriegen in Afghanistan und Irak beobachtet Palmen die zunehmende Präsenz militärischer Einsätze und von Soldaten in den Medien. Sie wählt Fotografien alltäglicher Situationen – Menschen beim Einkauf im Supermarkt oder bei der Arbeit, Kinder vor dem Fernsehen oder einen Schneemann bauend – aus Zeitungen, übermalt die darauf abgebildeten Szenen und Personen zunächst weiß und verpasst ihnen dann Soldaten-Uniformen mit Camouflage-Mustern. Die Untertitel der Fotografien verändert sie nicht. Es entsteht eine absurde, ins comicartige gesteigerte Diskrepanz und eine finstere Ironie zwischen Text- und neuer Bildaussage: Der Krieg und seine Insignien scheinen überall und allgegenwärtig zu sein. Die Individualität verliert sich aufgrund der Uniformierung, die in ihrer unterschiedlichen Camouflage-Musterung auf den jeweiligen Blättern wiederum einen modischen Charakter gewinnt.

 

Als die Regierung 2001 in Rotterdam bestimmte Straßenzüge als gefährlich deklariert und dort polizeiliche Überwachungskameras installiert, entsteht Palmens Serie „Streetwise“. Sie fertigt Tarnanzüge in exakt den Farben und Musterungen der von den Kameras anvisierten Orte – eine Bushaltestelle, Ampel oder ein Zebrastreifen – an. Wie eine Modedesignerin entwirft und bemalt Palmen die Anzüge für jede Serie ihrer Fotografien und die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten neu.

Die Fotografien zeigen die Künstlerin oder ein Model, die sich durch das Tragen des Anzugs vor dem Hintergrund ihres Umfeldes kaum noch abheben oder von ihm unterscheidbar sind. Figur, Tarnanzug und Umgebung verschmelzen miteinander.

 

Die gleiche Strategie des ‚Street Surveillance Camera Projects’ verfolgt Palmen in der Fotografie-Serie „Old City Suit“ von 2006/07. Die Altstadt von Jerusalem befindet sich unter ständiger Kontrolle durch Touristen- oder Überwachungskameras. Für ihre Fotografien entschied sich Palmen für Orte in den Gassen sowohl des arabischen als auch des christlichen Viertels. Wiederum macht ein der Straßenpflasterung farblich und strukturell angepasster Tarnanzug die im Bild stehende Figur für die am Bildrand sichtbaren Kameras und für den Betrachter der Werke beinahe unkenntlich.

Einerseits dient die Camouflage der Tarnanzüge dem Schutz der Trägerin oder des Trägers vor dem identifizierenden Blick der Überwachung und dem Zugriff der Kontrolle. Andererseits – und darin liegt die paradoxe Spannung der Arbeiten Palmens – verzerrt die doch wahrnehmbare 3-Dimensionalität und körperliche Präsenz des Models im Tarnanzug die Perspektive ebener Flächen, so dass der Betrachter bei genauer Beobachtung die Camouflage enttarnen kann.

 

Die aus dem Blickwinkel der Überwachungskamera aufgenommene Videoarbeit „Old City Suit“ betont die Nähe zur Skulptur sowie den performativen und spielerischen Aspekt von Desiree Palmens Kunst. Das Model steht unbeweglich inmitten der Straße während Passanten vorbeikommen und ein Junge versucht, die reglose Figur durch Mimik und Interaktion zu beleben. Erst die Durchfahrt eines Fahrzeugs zwingt sie zur Aufgabe ihrer statuarischen Position – und damit zur Preisgabe ihrer Tarnung: Durch eine kleine Bewegung, einen Schritt zur Seite, wird die Camouflage entlarvt und verliert ihren täuschenden Charakter für den Beobachter. Dennoch ist sie auf diese Weise erst deutlich wahrnehmbar.

 

„Die Camouflage ist wirksam, weil sie die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zieht" 1 so verweist die Künstlerin auf diesen Widerspruch. Neben einer Kritik an den inzwischen unzähligen Möglichkeiten der Überwachung sowie dem Wunsch nach Schutz vor einer andauernden Beobachtung geht es Palmen um gesellschaftliche Zwänge und deren Kontrollmechanismen: „Kleidung bietet [...] auch Schutz im psychologischen und sozialen Sinne. Durch das Tragen bestimmter Kleidung gehört man immer auch einer bestimmten Gruppe von Menschen an und genießt durch die Zugehörigkeit die Obhut dieser Gruppe. Man schirmt sich damit auch gegen allzu eindringliche Blicke ab, die einem begegnen, wenn man von der äußeren Norm abweicht.“ 2 In einer Situation, die von Anpassungsdruck, der Furcht vor Beobachtung, Erfassung und Verfolgung, der Angst vor Vorurteilen und Ausgrenzung gekennzeichnet ist, eröffnet das Konzept der Camouflage als Strategie des Verschwindens einen Freiraum für Identität und Selbstbestimmung.

1 Desiree Palmen, in: Stradda, Nr. 16, April 2010, S. 38
2 Desiree Palmen, in: Katalog Schnittraum ‚Out of Sight’, hg. Von Maria Anna Tappeiner, Köln 2002, o.S.