BARBARA ROSENGARTH

DURCHBLICK

 

 

br2Ausstellung

08. Januar – 05. Februar 2011

 

Eröffnung

Freitag, 07. Januar 2011, 18 Uhr

 

Finissage

Samstag, 05. Februar 2011, 19 Uhr

Musik: Frost Folk mit D. Cooper

 

Öffnungszeiten

Mi – Fr 13-18 Uhr, Sa 12–15 Uhr

u. n. Vereinbarung

 

www.barbararosengarth.de

 

Barbara Rosengarth: PLI 0510, 2010, Acryl/Lwd./Holzkörper

110 x 120 cm © Barbara Rosengarth

 

 

DURCHBLICK“ lautet der Titel der Ausstellung mit neuen Arbeiten von Barbara Rosengarth in der Galerie Funke. Rosengarths abstrakte Malerei und Zeichnungen begegnen den Betrachtern nicht konfrontativ oder in sich abgeschlossen, sondern stellen sich als Angebot, als Öffnung und Möglichkeit dar.

 

Die 1964 in Münster geborene und in Bremen lebende Künstlerin zeigt in ihrer ersten Einzelausstellung in Berlin Werke, deren Struktur vornehmlich aus horizontalen Streifen gebildet wird. Die geometrischen Linien verlaufen dabei oft schräg zueinander, verlassen das strenge Parallelgefüge und kippen – sich einander annähernd oder voneinander abweichend – leicht in die Diagonale. In einigen Bildern forciert eine vertikale Mittelachse, zu der die Farbstreifen spiegelbildlich verschoben oder versetzt erscheinen, die Reibung, Störung und Spannung. Durch diese Brüche widersetzt sich die Malerei Rosengarths der augenblicklichen, schnellen visuellen Erfassung. Das Zusammenspiel der Farben erhöht die komplexe Bildwirkung: Striche unterschiedlicher Farbintensität und Tonalität vermischen sich zu neuen, unvorhersehbaren Farbkonstellationen. Dabei kombiniert die Künstlerin kräftige, sich beißende Farben wie Signalrot und ein leuchtendes Pink-Violett.

 

Alle Werke Rosengarths tragen den Titel PLI und eine fortlaufende Werknummer. PLI leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet ‚Falte’. Ursprünglich befasste sich die Künstlerin mit der Darstellung von Stoffen, ihren Texturen und Faltungen, die Raumtiefe vortäuschen oder Licht und Schatten reflektieren. Mit fortschreitender Abstraktion des Ausgangsmotivs konzentriert sich Rosengarth auf Rauten-, Gitter- und Streifenmuster, deren Vertikalität im Verhältnis zu der Mittelsenkrechten, die noch entfernt an eine Falte erinnert, aus dem Lot geraten ist.

 

Während Rosengarth in den vergangenen Jahren fast ausschließlich das richtungsneutrale, quadratische Format für ihre Malerei und auch ihre Bleistiftzeichnungen nutzte, erweitert sie 2010 das Bildgeviert ins Querformat. Damit gibt sie die dem Quadrat innewohnende Geschlossenheit auf und legt eine Lesart nahe, die – im Zusammenhang mit der ebenfalls neu eingeführten horizontalen Bildstruktur – eine potentielle Weiterführung der Linien über die Bildgrenzen hinaus in den Raum hinein suggeriert.

 

Als Bildträger der Werke fungieren von der Künstlerin so bezeichnete Holzkörper, die der Malerei Objekt ähnlichen Charakter verleihen. Dieser Eindruck verstärkt sich durch die glatten Oberflächen, während die an den Seiten sichtbare rohe Leinwand wiederum auf die Bildlichkeit verweist.

Wichtig für die Wirkung von Rosengarths Arbeiten ist der Herstellungsprozess, den Frank Laukötter in einem Text als „Archäologie der Farbschichten“ beschreibt. Die Farbstreifen werden mit Klebeband und Lineal auf die mehrfach grundierten und glatt geschliffenen Leinwände in Lasuren aufgebracht, so dass Laukötter von den Werken als Exemplaren „der reinen Malerei, der peinture pure“ spricht.

Katerina Vatsella wiederum erkennt in Rosengarths Werken eine „minimalistische Tendenz“ – „konzeptuell-systematische Untersuchungen über Farbe und Raum“.

 

Rosengarths sowohl malerisches als auch zeichnerisches Œuvre eröffnet ein Spannungsfeld zwischen Linie und Fläche und damit zwischen der zweidimensionalen Bildebene und einer perspektivischen Tiefe. Das Auge des Betrachters bleibt bei dem irritierenden Wechselspiel von Form, Farbe und Licht, von geometrischer Strenge und ins diagonale verschobene Parallelen in Bewegung. Die Unabschließbarkeit des Sehprozesses enthält nicht nur einen zeitlichen Aspekt, sondern entgrenzt die Bildfläche ins Formlose, nicht rational zu Erfassende. Ihre Lebensnähe erhalten die Bilder dadurch, dass wir sie sehen, aber nicht wirklich verstehen können.

 

Damit kennzeichnet Rosengarths Kunst tatsächlich eine Nähe zur Minimal Art. Diese entstand auch als Reaktion auf die Theorien des amerikanischen Kunstkritikers Clement Greenberg, der die augenblickliche Erfassung eines Kunstwerkes als die Essenz des autonomen Kunstwerks der Moderne und des Abstrakten Expressionismus postulierte. Die Minimal Art hingegen band die Rezeption von Kunst wieder an den räumlichen Kontext und das zeitliche Moment, an den spezifischen Ort und den Körper des Betrachters. Obwohl sich Rosengarth in der konsequenten Entwicklung ihres Werks graduell bis zur völligen Abstraktion von ihrem Ausgangspunkt, den Faltungen und Drapierungen von Stoffen, entfernt hat, war es - von den Figuren des Westportals der Kathedrale von Reims im Mittelalter, über die Reliefs von Donatello in der Renaissance bis zum Barock - immer wieder die plastische Ausgestaltung der Gewänder, die den Anschein von Bewegung, Dynamik und Lebendigkeit vermittelte. Die Bilder von Barbara Rosengarth verzichten auf diesen Illusionismus und versetzen den Betrachter durch ihre Formen, Strukturen, Rhythmen und Farben direkt in das Kontinuum des Hier und Jetzt.

 

Claudia Funke, Dezember 2010