JULIA NEUENHAUSEN
Musterverschleppung

Julia_Neuenhausen_patterncluster_2011

© Julia Neuenhausen, patterncluster, 2011


27. April – 21. Mai 2011
Eröffnung: Freitag, 22. April ab 18 Uhr
Finissage: Samstag, 21. Mai ab 19 Uhr


Galerie Funke

Mi-Fr 13-18 Uhr, Sa 12-15 Uhr, und nach Vereinbarung



Julia Neuenhausen

musterverschleppung

Im Zentrum von Julia Neuenhausens erster Galerieausstellung musterverschleppung steht, neben Gouachen, Zeichnungen und der für die Galerieräume konzipierten Wandinstallation, ein von der Künstlerin 2010 entworfener, farbig gemusterter Teppich, der in der Galerie Funke erstmals ausgestellt wird. Als Wandbild präsentiert, greift er in der Gestaltung Bestandteile des traditionellen Orientteppichs auf: In seiner Mitte befindet sich das längsförmige Medaillon, umgeben von emblematischen Motiven und einer ornamentalen Bordüre. Einzelne Zeichen wirken in ihrer piktogrammartigen Einfachheit vertraut und schnell lesbar wie der Hase, Koffer, die Gießkanne, Eieruhr, Garnspulen, Blutgefäße und Lungenflügel. In der Gesamtheit ihrer Anordnung erscheinen sie eher rätselhaft und fordern in einem „Balanceakt zwischen Abstraktion und konkretem Verweis“1 zur Entschlüsselung heraus. Das Werk ist die Quintessenz des von der Stiftung Kunstfonds Bonn geförderten Projektes „pattern research“, für das Neuenhausen in den Iran, dem Herkunftsland der Perserteppiche, reiste. Dort führte sie Interviews mit fünfzehn Frauen unterschiedlicher Sozialisation und Berufstätigkeit als einen Querschnitt durch die weibliche iranische Bevölkerung.
Ursprünglich waren es die Nomaden Nordafrikas und Asiens, die Teppiche für ihre Zelte herstellten. Das Handwerk des Knüpfens führten Frauen aus und auf den Teppichen waren Szenen des nomadischen und bäuerlichen Alltags zu sehen: Pflanzen, Tiere, Jagdszenen und Ziegenherden. Die bildliche Darstellung ließ auf die jeweilige Familien- oder Stammeszugehörigkeit schließen. Temporär markierte der Teppich örtliches Terrain ebenso wie er gesellschaftlichen Zwecken diente. Später versinnbildlichte er, versehen mit Blumen, Ranken und Pflanzenornamenten, den Paradiesgarten.
Deshalb fragte die Künstlerin die von ihr interviewten Iranerinnen zuerst nach ihrer Lieblingsblume. Sie forschte weiter nach den bevorzugten Farben, Tüchern, Tieren, nach dem Lieblingsessen, der Lieblingsmusik, dem liebsten Ort im Haus und in der Natur, nach der Familie, der Vergangenheit und den Wünschen für die Zukunft. Danach ließ sie die Frauen jeweils ein Rorschachbild anfertigen, das diese – ohne vorherige Kenntnisse von Rorschachtests –  spontan für sich interpretierten.
Das Herzstück der Teppicharbeit von Julia Neuenhausen gleicht formal einer Gehirntomographie. Es ist die computergenerierte Kombination und damit die Essenz der verschiedenen Rorschachklappbilder.
Rorschachbilder funktionieren – ähnlich wie viele Teppichornamente – nach dem Prinzip der Spiegelung. Seit den 1990er Jahren arbeitet Neuenhausen in ihren Werken mit Doppelungen, Symmetrien und Spiegelbildlichkeit. Ausgehend von der poststrukturalistischen Zeichentheorie und der Semiotik Roland Barthes’ entwarf die Künstlerin „einen Katalog von Wörtern und Zeichen, eine Art Ikonologie der Zeichensprache“2, die die sowohl auf uns einwirkenden als auch uns prägenden Informationen und Erlebnisse widerspiegelt. Die sich wiederholenden Zeichen werden bewusst oder unbewusst verinnerlicht und schreiben sich als Muster in unsere Erfahrung ein: So entstehen innere Denkmuster, die, nach außen gerichtet, auf gesellschaftliche und soziale Strukturen reflektieren. Neuenhausen geht in ihren Arbeiten der Frage der ‚Vermusterung’ nach: den wiederkehrenden Zeichen und Codes der Kindheitsmuster, Verhaltensmuster, Handlungsmuster, Wahrnehmungsmuster, wobei letztere vor allem durch mediale Vermittlung geformt werden: Nachrichten, Fernsehen, Internet, Zeitungen, Werbung, Produktmarketing.
Die Kombination allgemeinverständlicher und individueller Icons, Piktogramme und Symbole, die Gegenüberstellung von organischen und geometrischen Formen, abstakten und figürlichen Zeichen sowie technischen Apparaturen und Natur- und Landschaftsmotiven in Verbindung mit Spiegelungen erzielt in Neuenhausens Arbeiten den Effekt des Geheimnisvollen, Märchenhaften, Magischen.

Julia_Neuenhausen_Acht_2002   Julia_Neuenhausen_o.T._Serie_Lost__Found_2006_2

© Julia Neuenhausen, Acht, Gouache, Aquarell auf Papier, 30 cm x 30 cm, 2002
© Julia Neuenhasuen, o.T. (Serie Lost & Found), mixed media auf Papier, 42 x 30 cm, 2006


Die Symbole im Muster des Teppichbildes stammen aus dem bereits vorhandenen Formen- und Zeichenrepertoire ihres künstlerischen Werkes; andere entstanden aus der Übersetzung und Übertragung der Aussagen der Interviewpartnerinnen sowie der Erlebnisse, die die Künstlerin auf ihrer Reise machte und die sie als Frau wieder in den in der Galerie Funke ausgestellten Teppich einbringt.
So fokussiert die Lupe den Rand des hirnförmigen Medaillons als Zeichen für die gleichzeitige Erweiterung und Begrenztheit, die Neuenhausen in der Annäherung an eine andere Kultur erfuhr. Die Lupe ist Sinnbild für die nähere Betrachtung der Textur des Teppichs an sich. Der Koffer steht für den von allen interviewten Frauen geäußerten Wunsch nach Reisen. Das Zepter im Fond des Teppichs drückt Dominanz, Beherrschung, Unterdrückung aus, die Spieße des Stachelschweins dienen der Abwehr von Feinden und der gordische Knoten muss zur Lösung von Problemen durchtrennt werden.
Die Muster Verschleppung ist ein Fachbegriff aus dem Teppichhandel und bedeutet, dass bestimmte, kulturell codierte Muster durch Heirat, Migration, Vertreibung und Reisen übernommen ausgetauscht, angeeignet und umgeformt werden.
Für die Künstlerin ist der Teppich „als Zeichen eines markierten Bodens, eigenen Territoriums, Land und Lebensraum [...] zur sozial-politischen Metapher [ihrer] Arbeit geworden“3 und er ist ebenfalls Ausdruck von Wärme und Abdämmung,
Neuenhausen erfindet eine eigene Zeichenwelt mit Anklängen an Design und Ornament, an Graffiti, Street Art und Pop Art. Die Künstlerin integriert die einzelnen Embleme und Zeichen als Collage in ihre Werke.

Julia_Neuenhausen_clusterwand_2010
© Julia Neuenhausen, clusterwand, Teppichboden, 500 cm x 380 cm, 2010


Sie verteilt die Zeichen nach dem Prinzip des All Over über die Bildfläche und arrangiert sie, einem Setzkasten gleich, in immer anderen Kontexten. Damit signalisiert sie die prinzipielle Variabilität, Mehrdeutigkeit und Veränderlichkeit der Zeichen und ihrer Zusammenhänge und somit ihrer Auslegung und Bedeutung. Die Möglichkeit des Dechiffrierens und Decodierens beinhaltet die Chance der Analyse und Neuinterpretation, der Tarnung und Enttarnung. Die Verschiebung und Neu-Verortung der Chiffren eröffnet weitere Bedeutungsebenen, die, mit Inhalten besetzt und neu angeeignet, Erkenntnisse produzieren, Diskurse bewirken und neue Handlungsmuster erzeugen.

Claudia Funke, April 2011